Beeindruckende Palette: Peter Jakob Kühn.

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In drei Tagen haben wir vier Weingüter besucht und dabei rund 970km mit dem Auto zurückgelegt. Das war ein wahrer Marathon für das Sitzleder. Wir wurden dafür mit teils wirklich grossartigen Weinen uns spannenden Begegnungen verwöhnt. Ausgangspunkt der Reise war Luxemburg, von wo aus wir am Freitagabend zu Peter Jakob Kühn fuhren.

Im Jahre 1703 gründete Jakobus Kühn das Weingut, das seit über 230 Jahren im Familienbesitz ist. Doch das Gut hatte nicht immer rosige Zeiten. Besonders von den 1970er bis in die 1990er war es eine besonders harte Epoche und verlangte allen Beteiligten viel Durchhaltewille ab. 1991 dann der erste Erfolg: Der Sieg beim Deutschen Riesling Preis! Dann kam die Umstellung auf Bio und mit der Zertifizierung mit dem Demeter-Siegel. Mit der Umstellung zum biodynamischen Anbau im Jahr 2004 verdichteten sich dann nicht nur die Erfolge, sondern auch die Qualität und Eigenständigkeit der Weine.

Ruhig und überlegt: Peter Bernhard Kühn (c) vvWine.ch

Mittlerweile ist mit Peter Bernhard Kühn die 11. Generation am Ruder. Er bewirtschaftet mit seinem Team die Parzellen, welche auf drei klimatisch unterschiedlichen Ebenen liegen. Ein erster Teil liegt direkt am Rhein, wo ein durch das Wasser gemässigtes Klima herrscht, das die Trauben vor Wetter-Extremen schützt. Weitere Parzellen verteilen sich rund ums Weingut, welches auf zirka 110 Meter über Meer liegt. Die höchste Lage nennt sich Hallgarten. Diese Parzellen liegen auf 220 bis 350 Meter über Meer, fallen teils steil gegen Süd-Westen ab und sind vom bunt schimmerndem Devonschiefer dominiert.

Die Devise im Betrieb ist klar: Die Arbeit wird im Weinberg gemacht, im Keller lässt man die Weine so weit wie möglich in Ruhe. «Ein gesunder Most ist sich selbst der beste Kellermeister», erklärt uns Peter Bernhard, ein äusserst bedachter, eher introvertierter Mensch in seiner bescheidenen Art. Was dabei rauskommt, kann sich sehen, riechen und schmecken lassen. Sämtliche Weine werden ohne den biologischen Säureabbau (malolaktische Gärung) vinifiziert, was sie ungemein frisch hält. Mit 2.8 bis 4 g/L Restzucker und rund 8 g/L Säure wirken die Weine zudem knochentrocken. Die ganze Kollektion besticht durch unglaublich viel Präzision. Die Weine strahlen wahrlich im Glas und gehören zum absolut Besten, was Deutschland in Sachen «Riesling trocken» zu bieten hat.

Wir verkosteten Mehrheitlich Weine aus 2017. Der Spätfrost am 20/21. April, der Temperaturen bis zu minus 5 Grad brachte, hat das Wachstum der Reben aus der Bahn geworfen. Der Sommer startete dann aber erfreulich unproblematisch und es gab wenig Niederschlag. Doch dann, am 1. August, zog der Hagel von Westen her über die Rebberge. Er hat die Kühn-Lagen massiv getroffen und teils zu 50% Ertragsverlust geführt. Entsprechend viel Aufwand musste für mengenmässig wenig Wein betrieben werden. Das Jahr versöhnte sich schlussendlich mit den Winzern, in dem es einen warmen Herbst bot, der die Trauben gut ausreifen lies. Entstanden sind qualitativ sehr gute Weine mit Charakter und einer gelungen Balance aus Kraft und Frische.

Riesling auf Top-Niveau: die verkostete Palette von Peter Jakob Kühn (c) vvWine.ch

2017 Jacobus, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (100% Riesling aus verschiedenen Lagen, repräsentativ für die geologische Situation um Östrich/Winkel, alles von Hand geerntet, Ganztraubenpressung, keine Addititve, teils Ausbau im grossen Fass, teils im Edelstahltank). Offene Nase nach gelben Früchten, Pfirsich und Blüten, dazu getrocknete Kräuter und ein Hauch Curry. Im Gaumen straff mit nerviger Säure, leichter Körper, gut strukturiert, saftig und frisch, ungemein lebhaft und mit sehr schöner Rückaromatik, endet auf Zitrusfrüchte. 17 vvPunkte (87/100).

2017 Rheinschiefer, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (100% Riesling aus dem Hallgarten, 50% davon aus dem Hendelberg, einer Steillage mit Schieferboden). Expressive Nase, sehr duftig, nach Kräutern, etwas Ananas, Pfrisich und grünem Curry. Im Gaumen schlank und mit leichtem Körper, präzis, vibrierend, elegant, zeigt eine sehr schöne Mineralik, sowie eine top Säurestruktur, ausgesprochen saftig und mit herrlicher gelbfruchtiger Rückaromatik, erstaunlich langanhaltend. 17.5 vvPunkte (89/100).

2017 Quarzit, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (100% Riesling, Vorlese von den Lagen Lehnchen, Doosberg und Klosterberg, rund ums Weingut in Oestrich gelegen. Die Quarzit-Böden sind fruchtbar und verfügen über viel Löss auf Lehm- und Tonuntergrund). Ungemein zart duftend, viele Blüten, Lavendel, Sommerwiese, dahinter gelber Apfel und weisser Pfirsich, wunderbar verspielt. Im Gaumen mit weichem Auftakt, wirkt etwas molliger als der Rheinschiefer, zeigt mehr Schmelz, wirkt dabei aber nicht schwerfällig sondern äusserst filigran und ausgewogen, gut strukturiert, elegant und mit zarter Frucht im mittellangen Abgang, endet auf Zitrusfrüchte und grüne Äpfel. 17.5 vvPunkte (89/100).

Eine klare Handschrift von „Klein“ bis „Gross“: Peter Jakob Kühn (c) vvWine.ch

2017 Oestricher Klosterberg, VDP. Erste Lage, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (Von einer Westhang-Lage auf 160 M.ü.M, Böden mit Sand, Kieselsand, Muschelkalk und Quarzit). Expressive Nase, sehr intensiv duftend, ein ganzer Kräutergarten ist das, dazu Gewürze und viel gelbe Steinfrucht die an Mirabelle erinnert. Im Gaumen füllig, kraftvoll und mit viel Druck, ungemein saftig und konzentriert, dabei aber federleicht und vibrierend, die Säure stützt die reife Frucht, verleiht eine sehr gute Struktur. Im Abgang zieht sich der Wein erstaunlich lange hin, sehr ausgewogen! 18 vvPunkte (90/100)

2017 Hallgartener Hendelberg, VDP. Erste Lage, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (Von einer steilen Einzellage rund 350 M.ü.M. Die Reben wurden 1974 gepflanzt und wurzeln auf Tonschiefer). Was für eine Nase: tief und mineralisch, feinduftig mit Noten von Zitrusfrüchten, Curry, Ingwer ein etwas Vanille. Im Gaumen ungemein knackig, das ist schon eine ganz tolle Klasse, hochelegant, gut strukturiert, sehr mineralisch, vibrierend in der Art aber dennoch ruhig und in sich sehr stimmig. Ein kühler, aktuell noch zurückhaltender Wein mit sehr viel Entwicklungs-Potential. 18 vvPunkte (91/100).

2016 Doosberg, VDP. Grosse Lage, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (Der Wein wird Jahr für Jahr in den gleichen Fässern ausgebaut, damit nur Weinberg-eigene Hefen und Bakterien wirken. Der 2016er ist mit rund 55% Neuholz etwas stärker vom Holz geprägt als in anderen Jahren, da für diesen Jahrgang zwei neue Fässer angeschafft wurden). Die Nase, eine kleine Droge, ein Parfum, ein Wein zum Eintauchen, viele weisse Blüten, dazu Noten von Curry, Lavendel, Zitrusfrüchte, Mirabelle, ein Hauch Puderzucker, das Holz gut wahrnehmbar doch nicht überbordend. Im Gaumen cremig und weich, zeigt Körper, bleibt dennoch sehr frisch und saftig, das ist schon fast wie ein Schluck Montrachet, präsentes aber ungemein schön eingebundenes Holz, nobel, hocharomatisch und sehr ausgewogen. Im Abgang von hervorragender Länge, endet auf eine herbe Kräuternote. Ein grossartiger Riesling der jetzt schon Spass macht und dennoch wunderbar reifen wird. Bravo! 19 vvPunkte (95/100).

Landgeflecht und Schlehdorn lagen ein Jahr länger im Fass (c) vvWine.ch

2016 Sankt-Nikolaus, VDP. Grosse Lage, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (Von einer rund 1 Hektar grossen Einzellage direkt am Rheinufer. Die Reben stammen aus den Jahren 1954, 1975 sowie 1990 und wachsen auf sandigen Böden und Löss. Das nahe Wasser sorgt für mehr Sonnenreflexionen, der breite Fluss bring deutlich mehr Luftbewegung und ein entsprechend ausgeglichenes Klima übers Jahr sorgt. Es ist eine eher frühe Lage, denn der Fluss nimmt im Frühjahr die kalte Luft weg, bringt Wärme in die Lage, was für einen frühen Austrieb sorgt, im Sommer dagegen wirkt der Fluss kühlend). Tiefgründige, parfümierte Nase, wirkt floraler, feiner, auch etwas dezenter als Doosberg, ungemein verspielt, mit weissen Blüten, Kamillentee, sogar etwas Veilchen und Gräser. Im Gaumen sehr weich, fast zaghaft im Auftakt, breitet sich dann aus, wird cremig, zeigt eine sehr gute Struktur, wirkt dabei aber femininer, leichtfüssiger und noch einen Tick eleganter als der Doosberg, dafür ist die Mineralik etwas weniger ausgeprägt. Aktuell noch zurückhaltend doch die Elemente tanzen miteinander, die Balance zwischen frischer Säure und Fruchtsüsse ist bestechend. Im Abgang sehr langanhaltend, endet auf Kamillenblüten. 19 vvPunkte (94/100).

2015 Landgeflecht, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland (Eine Parzelle innerhalb der GG-Lage Doosberg, ein Jahr längerer Ausbau im Fass). Sehr intensive Nase, ein wahrliches Konzentrat aus Aromen. Neben exotischen Gewürzen, viel Curry und gelben Steinfrüchten auch Mandelblüten und Tee, sehr komplex. Im Auftakt cremig, zeigt etwas mehr Speck auf den Rippen als die 2016er, deutlich opulenter und mit reifer, gelber Frucht, mutet aromatisch exotisch an, die top integrierte Säure trägt dieses Fruchtpaket, verleiht die nötige Frische. Der Wein ist saftig, druckvoll und ausgesprochen lang im Abgang. Ein Rubens-Riesling mit viel Charme und grossem Reifepotential. 19 vvPunkte (94/100).

2015 Schlehdorn, Peter Jakob Kühn, Rheingau, Deutschland. (Von einer Parzelle die innerhalb der Lage Sankt-Nikolaus liegt und im Jahr 1954 gepflanzt worden ist). Die Nase macht Hühnerhaut, wow, so intensiv, tiefgründig mit rauchigen Noten, vielen exotischen Früchte, dazu Apfel, Pfirsich, Tee, Nüssen, ein Hit. Im Gaumen kraftvoll und füllig, zeigt Intensität, Opulenz und viel Körper, das warmes Jahr ist spürbar, dennoch hochelegant wie eine Ballett-Tänzerin, das schwebt über der Zunge, spielt mit dem Gaumen, öffnet sich, zieht sich wieder zurück, öffnet erneut… Dieser Wein ist ungemein energiegeladen, top strukturiert, zeigt trotz seiner Fülle keine Spur von Schwerfälligkeit, die exotische Frucht wirkt saftig und zieht sich im Abgang zusammen mit einer würzigen Rückaromatik ausgesprochen lange hin. 19 vvPunkte (95/100).

Die Weine von Peter Jakob Kühn sind in der Schweiz bei Gerstl sowie bei Cantina del Mulino und in Deutschland direkt beim Weingut oder via Lobenberg erhältlich.

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