Castillo Ygay: Ein Stück Rioja-Geschichte
Es gibt Weingüter, die ihre Region geprägt haben. Marqués de Murrieta gehört zweifellos dazu. Als Don Luciano de Murrieta 1852 sein Weingut südlich von Logroño gründete, legte er einen wichtigen Grundstein für den modernen Rioja-Weinbau. Inspiriert von seinen Erfahrungen mit Weinen aus Bordeaux setzte er auf eine damals wegweisende Idee: Weine aus eigenen Rebbergen, mit kontrollierter Herkunft und einem Reifepotenzial, das sie auch über die Grenzen Spaniens hinaus interessant machen sollte. Bereits der erste Jahrgang 1852 wurde nach Mexiko und Kuba exportiert. Marqués de Murrieta gilt damit als eines der Pionierweingüter der Rioja.

Im Zentrum des historischen Besitzes steht das Castillo de Ygay. Das im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude beherbergt die Geschichte des Hauses und wurde 2019 aufgrund seiner weinbauhistorischen Bedeutung zum Museum umgewandelt. Die heutige Eigentümerfamilie Cebrián-Sagarriga führt das Gut seit 1983 und verbindet die historische Identität mit einer konsequenten Weiterentwicklung der Weinbereitung.
Die Grundlage aller Weine bildet die rund 300 Hektar grosse Finca Ygay, eines der grössten zusammenhängenden Weingüter in der südlichen Rioja Alta. Die Rebberge erstrecken sich über verschiedene Höhenlagen von etwa 300 bis 485 Metern. Innerhalb dieses Besitzes nimmt La Plana eine besondere Stellung ein. Die rund 40 Hektar grosse Einzellage liegt auf 485 Metern und wurde um 1950 bepflanzt. Die alten, traditionell als Buschreben erzogenen Rebstöcke wurzeln in steinigen Ton- und Kalkböden. Hier entstehen die Trauben für den Castillo de Ygay Gran Reserva Especial.

Die Assemblage basiert auf Tempranillo und Mazuelo (Cariñena). Das Verhältnis liegt je nach Jahrgang ungefähr bei 80 bis 90% Tempranillo und 10 bis 20% Mazuelo. Während Tempranillo für Körper, Frucht und Tiefe sorgt, bringt Mazuelo mit seiner natürlichen Säure zusätzliche Frische und strukturelle Spannung. Auch beim Ausbau werden die beiden Sorten getrennt behandelt: Der Tempranillo reift in amerikanischen Eichenbarriques, der Mazuelo in französischen Eichenfässern. Die Reifezeit beträgt je nach Jahrgang rund 24 bis 34 Monate. Erst danach werden die beiden Komponenten assembliert. Es folgt eine weitere Reifephase in Betontanks, bevor der Wein auf die Flasche gefüllt wird. Diese differenzierte Behandlung der beiden Rebsorten ist ein wichtiger Bestandteil der Stilistik von Castillo de Ygay.
Die Geschichte des Castillo de Ygay reicht bis ins Jahr 1893 zurück. Der erste Gran Reserva Especial wurde damals erzeugt. Der nächste Jahrgang folgte erst 1908. Bis heute wird der Wein ausschliesslich in ausgewählten Jahrgängen produziert, so dass vor dem jüngst der Fachpresse präsentierten 2016er Castillo Ygay – der bald auf den Markt kommt – die Jahrgänge 2015, 2014 und 2013 nicht produziert worden sind. Diese konsequente Haltung, welche kompromisslos eine hohe Weinqualität ins Zentrum stellt, ist ein wesentlicher Teil der Besonderheit von Castillo de Ygay.

Was diese Weine so faszinierend macht, zeigt sich auch mit zunehmender Flaschenreife. Sie können über Jahrzehnte an Komplexität gewinnen und entwickeln dabei eine aromatische Vielschichtigkeit, die seinesgleichen sucht. Im Rahmen einer Masterclass, welche von Mövenpick Wein organisiert wurde, präsentierte Vicente Dalmau Cebrián-Sagarriga einige Jahrgänge dieses Kultweins sowie weitere Topweine des Hauses, darunter den 1986er Castillo Ygay Blanco, der erst 252 Monate (kein Tippfehler) in amerikanischen Eichenfässern und anschliessend 67 Monate in Betontanks verbrachte, bevor er im Januar 2014 auf die Flasche gefüllt wurde. Dieser 1986er Weisswein, der nach 40 Jahren wie eine Eins im Glas steht, ist zweifelsohne einer der besten Weissweine, die ich in meinem Leben probieren durfte.
Die Verkostung bestätigte eindrücklich, dass Marqués de Murrieta mit seinem Castillo de Ygay weit mehr als einen grossen, traditionellen Rioja keltert; Castillo de Ygay ist ein eigenständiger Ausdruck seiner Herkunft und eine der grossen langlebigen Weinpersönlichkeiten Spaniens.



Dein Kommentar
Want to join the discussion?Feel free to contribute!