Vignamaggio: Zwischen Sangiovese, Cab Franc und Merlot.

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Seit 1404 wird auf Vignamaggio Wein erzeugt. Was wie eine historische Fussnote klingt, prägt bis heute den Stil der Weine ganz entscheidend. Das Gut zwischen Greve und Panzano im Herzen des Chianti Classico ist kein statisches Monument, sondern ein gewachsenes System aus Landschaft, Geschichte und Experiment. Über sieben Jahrhunderte hinweg hat sich hier ein Verständnis von Herkunft entwickelt, das heute überraschend modern wirkt.

Idyllisch zwischen Greve und Panzano im Herzen des Chianti gelegen: Vignamaggio (c) Vignamaggio

Diese lange Kontinuität ist mehr als ein romantisches Narrativ. Vignamaggio war Teil der frühen Definition des Chianti-Gebiets, gehörte 1924 zu den Gründungsmitgliedern des Consorzio und hat die Entwicklung der Region aktiv mitgestaltet. Gleichzeitig ist das Gut heute ein Labor für neue Ideen, eingebettet in ein polykulturelles Konzept, das Weinbau nicht isoliert denkt, sondern als Teil eines grösseren Ganzen versteht.

Genau aus dieser Verbindung von Geschichte und Gegenwart entsteht die stilistische Handschrift der Weine. Im Zentrum steht der Sangiovese, der hier in einer klassischen, dabei modernen und zugänglichen Interpretation erscheint. Die Lagen zwischen 300 und 450 Metern Höhe, geprägt von Galestro, Alberese und komplexen Tonformationen, liefern keine wuchtigen, sondern präzise strukturierte Weine. Frucht und Säure stehen im Gleichgewicht, die Tannine sind fein und tragen den Wein, ohne ihn zu dominieren. Es ist ein Stil, der die Tradition des Chianti Classico respektiert, sie aber gleichzeitig entschlackt und neu interpretiert. Weniger Extraktion, mehr Klarheit, mehr Trinkfluss.

Dabei spielt die Vielfalt der Mikroterroirs eine zentrale Rolle. Die Rebflächen verteilen sich auf unterschiedliche Expositionen und Böden, getrennt durch den Fluss Greve. Diese Diversität erlaubt es, Sangiovese nicht als uniforme Sorte zu behandeln, sondern als sensibles Ausdrucksmittel für Nuancen. Die Gran Selezione etwa entsteht aus einer präzisen Auswahl dieser Parzellen und zeigt, wie tief und gleichzeitig elegant Sangiovese hier sein kann.

Das Logo von Vignamaggio symbolisiert Villa, Rebberge, Garten, Olivenbäume und Getreidefelder

Neben dieser klassischen Achse hat sich in den letzten Jahrzehnten eine zweite Ebene etabliert. Cabernet Franc, ursprünglich eher Randerscheinung, hat sich zu einer der spannendsten Stimmen des Guts entwickelt. Alte Reben in Lagen wie Solatìo bringen Weine hervor, die klar vom warmen Klima geprägt sind, ohne ihre Frische zu verlieren. Dunkle Frucht, feine Würze und eine kühle, fast lineare Struktur prägen das Profil. Es ist kein Versuch, Bordeaux zu imitieren, sondern eine eigenständige Interpretation aus der Toskana heraus. Der südliche Charakter zeigt sich in der Reife, die Frische kommt aus Höhe, Böden und nächtlicher Abkühlung.

Noch deutlicher wird der Einfluss des Klimas beim Merlot. Auf Vignamaggio hat man sich bewusst entschieden, dieser Sorte Raum zu geben, wohl wissend, dass sie hier eine ausgeprägt üppige Stilistik entwickeln kann. Besonders in wärmeren Parzellen entstehen Weine mit dichter Frucht, weicher Textur und beträchtlicher Fülle. Das ist kein Stil für Puristen, sondern für jene, die genau diese Grosszügigkeit suchen. Gleichzeitig zeigt sich auch hier der Anspruch des Guts: Trotz aller Opulenz bleibt eine gewisse Frische erhalten, die den Wein strukturiert und ihm Länge verleiht.

Was diese unterschiedlichen Ansätze verbindet, ist die präzise Arbeit im Weinberg und im Keller. Die Vielfalt der Böden wird nicht nivelliert, sondern bewusst herausgearbeitet. Parzellen werden getrennt vinifiziert, erst spät zusammengeführt. Die Eingriffe sind gezielt, aber zurückhaltend. Ziel ist nicht ein einheitlicher Stil, sondern die bestmögliche Übersetzung jedes einzelnen Terroirs.

Die verkosteten Weine von Vignamaggio (c) vvWine.ch

So entsteht auf Vignamaggio ein spannendes Spannungsfeld. Sangiovese als klassisches Fundament, Cabernet Franc als elegante, frische Ergänzung und Merlot als Ausdruck klimatischer Kraft. Drei Rebsorten, drei Perspektiven, vereint durch einen Ort, der seit Jahrhunderten in Bewegung ist. Genau darin liegt die eigentliche Modernität dieses historischen Weinguts.

Nachfolgende meine Notizen zu den sechs verkosteten Weinen.

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