Drops of God: Wein auf dem Seziertisch zerlegt.

Der Oscar prämierte Film Sideways mit Paul Giamatti und Thomas Haden Church, hat eine ganze Generation abgehalten Merlot zu trinken. Das Zitat, «No, if anyone orders Merlot, I’m leaving. I am NOT drinking any fucking Merlot!» hat den Konsum von Merlot erheblich gebremst und diverse Winzer hatten darauf massive Absatzprobleme, welche sehr lange anhielten. Da änderte die Antwort von Jack «If they want to drink Merlot, we’re drinking Merlot» auch nicht mehr viel, der Schaden war für eine ganze Industrie von grosser Tragweite und prägte das Trinkverhalten einer ganzen Generation von Weinfreuden.Und so hat meines Wissens, kein anderer Film das Weinkonsumverhalten so dermassen beeinflusst, wie der Film Sideways. Danach gab es zwar immer wieder mehr oder weniger unterhaltsame Filme über Wein und/oder dessen Genuss oder Herstellung. Aber alle waren ausnahmslos belanglos und nichts mehr als reine Unterhaltung ohne Impact. Dann kam Drops of God auf Netflix, hochgelobt – und ich wurde über Nacht zum Filmkritiker.

Ich habe mir das in grosser Vorfreude auf Netflix angesehen – und zwar die ganze erste Staffel. Nicht am Stück, nicht binge-watching-mässig mit Popcorn und schlechtem Gewissen, sondern häppchenweise. Wie man das eben halt so macht, wenn man hofft, dass es irgendwann vielleicht besser wird. Oder zumindest anders. Dabei war ich absolut nüchtern, was rückblickend vielleicht ein Fehler war. Spoiler: Es wurde leider weder besser noch anders. Und genau darum geht es hier.

Vorab: Das ist keine Abrechnung aus Prinzip. Denn ich bin kein reflexgetriebener Kulturpessimist, der bei allem, was auf eine junge Zielgruppe schielt, sofort «Früher war alles besser» ruft, um sich dann einen 82er Bordeaux einzuschenken, nur um sich selbst zu bestätigen, im Gegenteil. Ich wünsche mir seit Jahren, dass Wein endlich wieder erzählt wird. Als Kultur, als Handwerk, als sozialer Kitt, als etwas, das Menschen verbindet, als etwas, das Freude macht. Und nicht nur Hirn, Angst und Psychosen.

Und genau da scheitert Drops of God fundamental. Die Serie will modern sein. Sie will aufklären. Sie will Tiefe und sie will Relevanz. Sie will zeigen, dass Wein mehr ist als Snobismus und das richtige Weinglas. Leider nur lauter noble Absichten.  Es gibt sogar eine Szene in der die «Profis» beim verstorbenen, Supadupa Weinkritiker, Champagner aus der Flute trinken. Das man das nicht macht, ist auf jeder Tuperware-Party angekommen – really!

Das Problem ist: Am Ende bleibt von Wein nicht viel mehr übrig als eine analytische Flüssigkeit, die von Übermenschen beurteilt wird, die wirken, als hätten sie ihr ganzes Leben mit grossem innerem aufgestautem Druck in fensterlosen Räumen zwischen Reagenzgläsern und Aromarad verbracht.

Denn Wein wird hier nicht gelebt, er wird in seine Einzelteile zerlegt. Was wir zu sehen bekommen, ist Wein als Hochleistungssport. Ein Disziplinen-Mix aus Chemie, Gedächtnisleistung und psychischer Belastbarkeit. Wir sehen Menschen, die mit so einer Ernsthaftigkeit am Wein riechen, als hinge das Wohl der Menschheit vom korrekten Erkennen von nassem Schiefer, Quitte und Jasmin, sowie einem Hauch von irgendwas «ethereal» ab. Hochtrainierte, hochsensibel Supernasen sind das – quasi die Avengers der Weinszene. Genau darum wirkt das Ganze über die ganze Dauer chronisch angespannt. Und so frage ich mich beim Zuschauen nicht selten, wie viele dieser Protagonisten abends einfach mal ein Glas Wein trinken würden, so ganz ohne Block, ohne Bewertung und ohne innere Punkteskala. Einfach, weil es schmeckt, weil es grad gemütlich ist oder weil es einfach Freude macht. Ich habe da so meine Zweifel. Und ja, ich überspitze wie immer in voller Absicht, weil genau das die Serie auch tut nur in eben die andere Richtung.

Denn was Drops of God konsequent vermeidet, ist das, was Wein eigentlich ausmacht: Menschen in ihrer Imperfektion. Da ist kein Gelächter zu sehen, keine voll belegten Küchen, wo Menschen rauchend, lange Gespräche in langen Nächten führen, welche mit jedem Glas Wein immer besser werden, immer tiefgründiger, immer ehrlicher. Hier findet man kein Scheitern und keine Widersprüche, keine Emotionen, ausser maximal konzentrierte Ernsthaftigkeit. Wein ist hier kein soziales Medium, kein Kulturgut und auch kein Begleiter – er ist ein reines Prüfungsobjekt. So scheint das Narrativ klar: Wer Wein ernst nimmt, muss ein bisschen leiden. Wer Wein wirklich verstehen will, zahlt seinen Preis. Psychisch, emotional und natürlich auch sozial. Und ganz ehrlich: Wenn ich 20 wäre und sowas mein Einstieg in die Welt des Weins wäre, ich würde wohl weglaufen. Und zwar direkt in die Arme von Craft Beer, Kombucha oder Tee – halt irgendetwas mit weniger Druck. Und so suggeriert die Serie, wahrscheinlich ungewollt, dass Wein ein Milieu ist, in dem man entweder dazugehört oder draussen bleibt. Dass es Expertise braucht, um legitim Freude zu empfinden. Dass Genuss ohne Analyse verdächtig ist. Dass Intuition zweitrangig ist. Dass Emotion ein Störfaktor ist; was ich als gefährlich betrachte. Nicht moralisch gefährlich, sondern kulturell fragwürdig. Denn Wein lebt nicht davon, dass ihn wenige sehr gut erklären können, der Wein lebt davon, dass ihn viele gerne trinken und dass er Neugierde weckt, dass er Freude macht. Dass er Fragen aufwirft, ohne sofort Antworten zu verlangen. Dass man sich herantasten darf und auch komplett danebenliegen darf.

Wein lebt davon, dass man sagt: «Ich mag das» – Punkt. Ohne Rechtfertigung. Drops of God hingegen wirkt, als würde Wein permanent validiert werden müssen. Durch Wissen, durch Analyse, durch Leistung und durch Haltung. Das ist kein Einladungsschreiben. Das ist eine Eintrittsprüfung. Was mich aber besonders stört, ist der völlige Mangel an Leichtigkeit. Wein darf schwer sein, ja. Er darf komplex sein und er darf selbstverständlich auch fordern, aber eben nicht permanent. Niemand trinkt ein Glas, um sich minderwertig zu fühlen. Niemand öffnet eine Flasche, um sich selbst zu testen (oder zumindest sollte das nicht der Normalfall sein). Die Serie schafft es nicht, Wein als etwas Positives, Lustvolles, Inspirierendes zu zeigen. Stattdessen bleibt ein Bild hängen, das irgendwo zwischen Elitezirkel und innerem Dauerstress oszilliert.

Menschen, die viel wissen. Sehr viel. Aber wenig lachen. Und dann die grosse Frage: Fördert das den Wein? Fördert das die Branche? Fördert das die Neugier junger Menschen? Ich habe da so meine Zweifel. Im Gegenteil. Wer glaubt, dass die nächste Generation durch analytische Tiefe und sensorische Hochleistung abgeholt wird, hat entweder sehr wenig Kontakt zu dieser Generation oder sehr viel Hoffnung. Denn junge Menschen suchen nach Sinnfindung, wollen Zugang, Geschichten, Emotionen, Authentizität und nicht das Gefühl bekommen, erst mal ein Dutzend Bücher lesen zu müssen und sich monatelang im Keller einzusperren, bevor sie sagen dürfen, dass ihnen ein Wein schmeckt.

Wein war einmal täglich Brot, Alltagsflüssigkeit, Nahrung, später erst, politisch und subversiv. Er war Teil unseres Lebens, nicht von Bewertungssystemen. Und irgendwo auf dem Weg hat man beschlossen, dass man ihn schützen müsse vor Unwissen, vor Fehlern, vor falschem Genuss. Mit dem Resultat, dass man ihn in Watte gepackt und auf ein Podest gestellt hat, von dem er nun langsam, aber sicher herunterfällt. Drops of God ist ein Symptom davon. Gut gemeint. Schlecht erzählt. Zu kopflastig. Zu ernst. Zu wenig Mensch.

Ich wünschte mir es gäbe Serien über Wein in denen gestritten wird. Gelacht. Gekocht. Gescheitert. Ich will Winzer sehen, die zweifeln. Händler, die Bauchentscheide treffen. Trinker, die keine Ahnung haben, aber viel Freude. Ich will Wein als Teil des Lebens sehen nicht als Prüfung desselben. Denn der Wein ist keine Klausur und auch kein Leistungstest und sollte auch keine Therapieform für ungelöste Traumata sein.

Aber wenn er all das Genannte nicht sein soll, was ist er denn, oder was soll er denn sein? Wein ist eine Flüssigkeit, ja. Aber eine soziale. Eine emotionale. Eine kulturelle und noch so viel mehr. Aber solange Serien wie Drops of God dies vergessen, werden sie vielleicht Preise für cineastische Leistungen gewinnen aber sicher keine neuen Weinliebhaber. Nur in einem hat die Serie absolut Recht: Kein Tropfen Wein ist ein Gottes-Tropfen. Amen.

2 Kommentare
  1. Michael Wolf
    Michael Wolf says:

    Sehr guter Artikel. Nur ein (wiederholter) Druckfehler: die Serie, die ich mir nun sicherlich nie anschauen werde, heisst „Drops of God“ und nicht „Drops of Good“.

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    • adrian.vanvelsen
      adrian.vanvelsen says:

      Danke Michael für den Hinweis… als Nicht Netflix Seher und dem Kolumnisten die volle Freiheit gebenden Plattform-Anbieter, habe ich diesen kleinen aber durchaus signifikanten Fehler nicht erkannt. Ich habe es nun korrigiert…

      Antworten

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